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Jahresthemen der Salzburger Hochschulwochen 1931-2015

Die Hochschulwochen 1931-1948 sowie 1951 standen unter keinem Generalthema, sondern wurden in Kursen abgehalten. 

1949|Die Kirche gestern, heute und in Ewigkeit
1950| Das geistige Leben der Gegenwart im Licht gläubiger Weltverantwortung
1952|Der christliche Mensch in der politischen, rechtlichen und sozialen Ordnung
1953|Der Gegenwartsauftrag der christlich-abendländischen Kunst
1954|Augustinus in der Zeit- über der Zeit
1955|Die geistigen Mächte der Gegenwart und die Heilsmacht der Kirche
1956|Christliches Europa - Berufung, Würde, Verantwortung
1957|Das neue Welt- und Menschenbild der Wissenschaft
1958|Das Welt- und Menschenbild der christlichen Rechts- und Gesellschaftsordnung
1959|Europäisches Denken, Dichten, Bilden
1960|Die Begegnung von Ost und West in Geschichte und Gegenwart
1961|Ideologien und Wissenschaft
1962|Die geistige Solidarität des Westens und die aufsteigenden Völker
1963|Die Wahrheit in der philosophischen und theologischen Aussage unserer Zeit
1964|Der Mensch im Kosmos
1965|Der Christ in der Welt - Grundfragen christlicher Existenz
1966|Pluralismus-Universalismus-Christentum
1967|Der Weg des Menschen - Woher,Wohin?
1968|Wissenschaft und Freiheit
1969|Auf dem Weg zu einer neuen Gesellschaft
1970|Glaubensbegründung heute
1971|Sprache und Wirklichkeit
1972|Die Frage nach Jesus
1973|Freiheit des Menschen
1974|Kunst heute
1975|Grenzerfahrung Tod
1976|Menschenwürdige Gesellschaft
1977|Suche nach Sinn - Suche nach Gott
1978|Werte - Rechte - Normen
1979|Jesus Christus und die Religionen
1980|Kultur als christlicher Auftrag heute
1981|Die Kirche Christi - Enttäuschung und Hoffnung
1982|Menschwerden - Menschsein
1983|Gerechtikeit - Freheit - Friede
1984|Die Zukunft der Zukunft
1985|Gott
1986|Lebensentscheidung
1987|Säkulare Welt und Reich Gottes
1988|Gott schuf den Menschen als Mann und Frau
1989|Leid - Schuld - Versöhnung
1990|Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde
1991|Der Christ der Zukunft - ein Mystiker
1992|Evangelium und Inkulturation
1993|Lob der Erde
1994|Jesus von Nazareth
1995|Die eine Welt und Europa
1996|Vor-Bilder
1997|Leben
1998|Zeichen der Zeit
1999|Religiosität am Ende der Moderne
2000|Gerechtigkeit heute - Anspruch und Wirklichkeit
2001|Geist-Erfahrung-Leben
2002|Wovon wir leben werden
2003|Identität und Toleranz
2004|Chancen des Christlichen in einer ökonomisierten Welt
2005|Ethik im Brennpunkt
2006|Gott im Kommen
2007|Macht und Ohnmacht
2008|Lieben. Provokationen
2009|Weltordnungen
2010|Endlich! Leben und Überleben
2011|Sicher unsicher
2012|verantworten
2013|Gefährliches Wissen
2014|Europa. Entgrenzungen
2015|Prekäre Humanität
2016|Leidenschaften
2017|Öffentlichkeiten

Theologie der Moderne im Vollzug: Streifzüge durch 75 Jahre Salzburger Hochschulwochen (1931-2006)

 

1931: in Deutschland steigen die Arbeitslosenzahlen auf über fünf Millionen, die nationalsozialistische Propaganda forciert ihre antisemitischen Aktionen, während der italienische Faschismus die Auseinandersetzung mit dem Vatikan sucht. An den anderen Enden der Welt wird das Empire State Building eingeweiht und Gandhi erzielt einen ersten Erfolg im zivilen Kampf gegen die britische Kolonialmacht. Von der Buchproduktion des Jahres gibt es wenig Aufregendes zu berichten - insgesamt ein eher ruhiges Jahr in zumal politisch immer bewegteren Zeiten. In diesem Jahr 1931 findet sich, eher versteckt, in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften ein Aufruf, an den erstmals veranstalteten "Salzburger Hochschulwochen" teilzunehmen - 75 Jahre später ergibt sich mit dem entsprechenden Jubiläum eine eigene zeitgeschichtliche Klammer. Gerade für die katholische Kirche zeichnen sich im Rückblick Veränderungen ab, die im Licht der Salzburger Hochschulwochen eine kleine Theologie- und Kirchengeschichte präparieren.

 

Das wird schon im Anschreiben der ersten Hochschulwochen deutlich. Adressat sind die "deutschsprachige Öffentlichkeit", darüber hinaus aber auch "das gesamte Ausland" und "alle Kreise der Gebildeten, die ihr Wissen und ihre Bildung nach katholischen Grundsätzen in streng wissenschaftlicher Methode erweitern und vertiefen wollen."1 Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich zu dieser Zeit in einer Schwellensituation. Der Antimodernismus hat seinen Höhepunkt überschritten, aber die "Schleifung der Bastionen", die Hans Urs von Balthasar später beschwören wird, steht noch bevor. Nach dem 1. Weltkrieg hatte es verschiedene theologische wie kirchliche Versuche gegeben, den verspäteten Eintritt der katholischen Kirche in die Moderne mit anderen Mitteln nachzuholen. Nicht zuletzt die katholische Jugend- und exemplarisch die liturgische Bewegung suchten nach Möglichkeiten, ein dynamischeres Bild von Kirche gegenüber dem statischen Paradigma der Neuscholastik zu verwirklichen. Erste Ansätze einer Volk Gottes-Theologie, die später eine bedenkliche Nähe zum Nationalsozialismus zumindest partiell erlaubten, entstanden in dieser Zeit ebenso wie die kulturellen Übersetzungsversuche eines Romano Guardini auf seinem Berliner Lehrstuhl für "katholische Weltanschauung". Eine gewisse Aufbruchstimmung machte sich breit. Man sah katholische Anknüpfungsmöglichkeiten an die nach dem Krieg veränderte moderne Gesellschaft - aber was die in sich zerrissene Gesellschaft der Weimarer Republik suchte, war nicht das, was die Kirche und die Theologen anbieten konnten oder wollten. So standen "seit etwa 1927 die Zeichen im Katholizismus auf Introversion, Selbstbesinnung und Festigung des inneren Zusammenhalts".2

Genau in diese Zeit hinein setzten die Salzburger Hochschulwochen ein theologisches Signal. Als Sommeruniversität konzipiert, sollten sie die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg forcieren - ein über viele Jahre hinweg betriebenes Projekt, das ideengeschichtlich wie politisch weit bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Das inhaltliche Interesse dieser Initiative markiert dabei bereits das zitierte Programm: Es geht um die wissenschaftlich fundierte Vermittlung katholischer Positionen, und zwar als Selbstüberprüfung nach innen wie als Darstellung nach außen hin. Pate standen vor allem der Katholische Akademikerverband, die Görresgesellschaft sowie von Salzburger Seite die Theologische Fakultät und die Benediktinerkonföderation. Bewusst weltoffen ausgerichtet, setzten schon die ersten Hochschulwochen einen richtungsweisenden Impuls: den Dialog mit der Kunst, den das Rahmenprogramm mit Konzerten und Ausstellungen hinaus aufnimmt. Gerade weil man politisch nach dem Weltkrieg "der gegenseitigen Verständigung und Zusammenarbeit dienen" will, verstehen sich die Salzburger Hochschulwochen darüber hinaus als europäischer Faktor - die Themen der kommenden Jahrzehnte und zumal die Vortragenden des Auftakts belegen dies.

 

Die Veranstalter setzten damit einen entscheidenden Akzent. Die in den 1930-er Jahren geläufige Rede von einer katholischen Weltanschauung, die auch das erste Programm ausdrücklich als die beste Basis internationaler Kooperation ansieht, sprengte in der gegebenen Fassung den Rahmen jener nationalen Interessen, die immer wieder auf diese Sommeruniversität zugreifen wollten oder auch offen mit ihr konkurrierten. In einem breiten Spektrum von Themen boten die ersten Salzburger Hochschulwochen unter der Leitung von P. Alois Mager OSB einen kulturtheologischen Parcours: Die geistige Lage der Gegenwart stand ebenso zur Diskussion wie die Auseinandersetzung mit experimenteller Wissenschaft und Philosophie oder eine existenztheologische Interpretation der Romane Dostojewskis, die Romano Guardini entwickelte. Neben ihm lasen mit Edward Bullough, Agostino Gemelli und Jacques Maritain wichtige europäische Intellektuelle ebenso wie Abt Ildefons von Herwegen, Karl Adam, Dietrich von Hildebrand oder Erich Przywara. Sein ökumenisches Referat dokumentierte die innere Offenheit, mit der die Hochschulwochen eigene theologisch-kirchliche Marken setzten. Mit der Wahl der Themen, die ab 1949 unter einem Obertitel diskursiv vernetzt wurden, verpflichtet man die Theologie dieser Zeit zunehmend deutlicher auf die Auseinandersetzung mit der Moderne. Ausgangspunkt war dabei immer die eigene christliche Perspektive, und so funktionierten die Hochschulwochen nicht zuletzt als Ort wissenschaftlicher Selbstvergewisserung. Auf der einen Seite kann man in den verschiedenen Dokumentationen dieser Jahre so etwas wie eine Theologie der Moderne im Vollzug nacherleben, auf der anderen Seite dokumentiert sich hier auch die gebrochene Beziehung zu jener modernen Welt, die für das katholische Milieu erst mit dem Durchbruch des Vaticanums II eine andere Bedeutung gewann. Genau auf diesem Weg leisteten freilich gerade die Salzburger Hochschulwochen unter Obmännern P. Thomas Michels OSB (1950-1971), P. Ansgar Paus OSB (1971-1980) und P. Paulus Gordan OSB (1980-1993) Bedeutendes - nicht zuletzt mit den entscheidenden Theologen dieses Aufbruchs, die sich fast ausnahmslos in den Vortragsarchiven finden.

 

Exemplarisch lassen sich zwei Vorträge dafür als Beleg heranziehen. Beide stammen von Karl Rahner. Den einen konnte er 1937 halten, der andere ließ sich nur nachträglich dokumentieren. Was Rahner mit seiner religionsphilosophischen Grundlegung des "Hörer des Wortes" vorbereitete, hätte nach dem Krieg im Zuge seiner Interpretation der Enzyklika "Mystici Corporis" in Überlegungen zu den anonymen Christen münden sollen - wenn man Rahner nicht die Einreise nach Österreich verweigert hätte. Beide Kennworte aber stehen für eine theologische Revolution - und sie verbinden sich eben mit den Salzburger Hochschulwochen mehr als nur zufällig. Der spezifische Mehrwert des theologischen Experiments, einer Versuchsanordnung mit dem Interesse an einer Umstellung der kirchlichen Ordnung der Dinge haben die Salzburger Hochschulwochen mit einer Reihe provokanter Themen und Referenten geprägt. Gerade die Vortragenden zeigen, was sich in den Tagungsbänden aus 75 Jahren Hochschulwochen verbirgt: eine eigene Theologiegeschichte der Moderne mit Protagonisten wie Erik Peterson, Gottlieb Söhngen, Hugo Rahner, John C. Murray, Yves Congar, Hans Urs von Balthasar, Johann Baptist Metz, Joseph Ratzinger, Karl Lehmann, Walter Kasper und Eberhard Jüngel - letzterer wird in diesem Jahr die Laudatio auf den Präsidenten des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen halten, der den erstmals vergebenen Theologischen Preis der Salzburger Hochschulwochen für ein theologisches Gesamtwerk erhalten wird. Das ökumenische Zeichen folgt dabei der Intuition der Gründungsväter.

 

Nachdem die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg 1962 gescheitert war, mussten sich die Hochschulwochen auf ein neues Profil festlegen. Die Jahresthemen geben seither Auskunft über den ambitionierten Versuch, Kirche mit der modernen Lebenswelt und ihren spezifischen Herausforderungen zu konfrontieren: "Ideologien und Wissenschaft" (1961), "Der Christ in der Welt - Grundfragen christlicher Existenz" (1965), "Pluralismus - Universalismus - Christentum" (1966) oder "Wissenschaft und Freiheit" (1968) erscheinen als sprechende Titel mit Nennwert für die theologisch-kirchliche Stimmung im Umfeld des Konzils. Die Linienführung dieser Jahre lässt sich fortführen. In der Spannung von kirchlichem Innen- und wissenschaftlichem Außenbezug haben die Salzburger Hochschulwochen immer wieder prominente Theologen und - weniger - Theologinnen eingeladen, aber auch den in dieser Zeit viel beschworenen Dialog mit der Welt gesucht. Von Hans Georg Gadamer über Ruth Klüger bis Andrzej Szcypiorski stehen die Festredner dieser Jahre für die Blickführung der Hochschulwochen nach dem Konzil. Besonders unter der Leitung von Heinrich Schmidinger, Obmann von 1993 bis 2005, dokumentieren die Jahresprogramme die bewusst inszenierte Auseinandersetzung mit den "Zeichen der Zeit" - und das entsprechende Thema des Jahres 1998 lässt sich als eigenes Programmwort der Hochschulwochen lesen.

 

Bis heute besuchen zumeist mehr als 1.000 HörerInnen die Salzburger Hochschulwochen - sicher mit einem eigenen Interesse am Ambiente der Stadt zu Festspielzeiten, vor allem aber auf der Suche nach jener intellektuellen Auseinandersetzung, die die Kirche nach dem Auftrag des Konzils ihrer Zeit schuldet. Stand im vergangenen Jahr von daher "Ethik im Brennpunkt" auf der interdisziplinären Agenda. Gerade dieses Profil gewinnt an besonderer Bedeutung in einer Wissenschaftslandschaft, die den Austausch der Fächer in dem Maße propagiert, in dem die Spezialisierung ihm den Atem zu nehmen droht. In dieser Hinsicht profitieren die Salzburger Hochschulwochen von den besonderen kommunikativen Möglichkeiten einer Sommeruniversität, in der sich für die Dauer einer Woche die Perspektiven bedeutender Wissenschaftlerinnen, aber auch von Politikern und Expertinnen aus den verschiedenen ökonomischen Bereichen aneinander vermitteln. Von daher verspricht das Programmwort zum 75jährigen Bestehen der Salzburger Hochschulwochen - "Gott im Kommen" - eine besondere Konzentration auf den eigentlichen magnetischen Punkt der ganzen Jahre, zeigt aber in seiner Konzeption, wie sehr sich Innen- und Außenperspektive diskursiv herausfordern. Der neu geschaffene Publikumspreis für wissenschaftliche Kommunikation, der interdisziplinär für NachwuchswissenschaftlerInnen ausgeschrieben wurde, steht dafür mehr als nur symbolisch ein.

 

1 Zitiert nach dem Programm der ersten Salzburger Hochschulwochen vom 3. bis 22. August 1931, in: Paulus Gordan (Hrsg.), Christliche Weltdeutung. Salzburger Hochschulwochen 1931-1981, Kevelaer u.a. 1981, 9-15; hier: 14.- Zur Geschichte der Salzburger Hochschulwochen vgl. ebd. Franz Padinger, Geschichte der Salzburger Hochschulwochen, 23-58. Vgl. weiterhin Franz Schausberger, Die Salzburger Hochschulwochen und ihr Beitrag zum geistigen Zentrum Salzburg, in: Salzburg. Geschichte & Politik. Mitteilungen der Dr.-Hans-Lechner-Forschungsgesellschaft 13 (2003) Nr. 4, 201-228.

2 Thomas Ruster, Die verlorene Nützlichkeit der Religion. Katholizismus und Moderne in der Weimarer Republik, Paderborn u.a. 21997, 97.