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Freitag, 1. August, Europäische Bildbrüche

 

Kunst und Geschichtsforschung stören den Blick auf Europa

 

Dem politischen Blick auf Europa in den vergangenen zwei Tagen folgte heute Vormittag eine ästhetische sowie eine historische „Entgrenzungsperspektive“ (G.M. Hoff). Univ.-Prof. Dr. Katharina Sykora beantwortete ihre Frage nach der fotografischen Sichtbarkeit der Definition Europas anhand zweier Arbeiten der Künstlerin Bettina Lockemann und verdeutlichte damit die prozessuale und räumliche Konstitution dessen, „was wir Europa nennen“. Univ.-Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausens Vorlesung zur „De-Europäisierung: 1914-1918“ kollidierte auch inhaltlich mit dem herausgehobenen Datum des heutigen Tages – vor genau 100 Jahren begann der I. Weltkrieg. „Der Krieg nach Innen – gegen ethnische Minderheiten innerhalb der eigenen Bevölkerung – ist eine Praxis des Weltkrieges, die wir vergessen haben“, so ihr Fazit. Um 12.00 Uhr wurde die Vorlesung mit der europaweit ausgerufenen Gedenkminute unterbrochen.

 

(SHW5/teleo) Als erste Vortragende vollzog die Braunschweiger Universitätsprofessorin Katharina Sykora „fotografische Grenzgänge“ an den Rändern Europas. In seiner Begrüßung hob Obmann Univ.-Prof. Dr. Gregor M. Hoff ihren Band „Totenfotografie und ihr sozialer Gebrauch“ (2009) als „eines der beeindruckendsten Bücher der letzten Jahre“ hervor. Heute führte Sykora das Publikum der Salzburger Hochschulwochen hin zu einer „permanenten Blickumkehr, die eine gespaltene, instabile Sicht und eine ungesicherte Wahrnehmung hervorbringt“: diese „fundamentale Verunsicherung“ fasste sie als „angemessene Annäherung“ an die Fragen nach der Identität Europas und der Definition seiner Grenzen auf. Ihren Ausführungen zur Ästhetik stellte sie Homi K. Bhabhas Konzept der Nation als eine sich in der Performanz ständig neu erschaffende (und damit ambivalent zur autoritativen Definition bestehenden) sowie Michel Foucaults Unterscheidung der Utopien (Platzierung ohne wirklichen Ort) von den Heterotopien (wirklich-wirksame Orte, Gegenplatzierungen) voran.

 

Leerstellen als Quellen der Irritation

Grenzen seien als Raum- und Zeitkategorie, als poröse Schwelle und als Verhandlungssache zu verstehen. Mit dem durch die Theorien Bhabhas und Foucaults eingeleiteten Perspektivenwechsel wandte sich Sykora schließlich zwei Werken der Foto-Künstlerin Bettina Lockemann zu, die sich in ihren Bildern an Orte, die „Europa bedeuten, wo ausgehandelt wird, wer dazugehört und wer nicht" und an die Außengrenzen begibt.

In der Serie „EP/2006/K.“ – Europäisches Parlament – 28 SW Fotografien 2006/07 setzt Lockemann mit subtilen ästhetischen Mitteln jenen Ort visuell in Szene, an dem die alltägliche Parlamentsarbeit stattfindet. Doch sie verkehre den Blick und mache die Unfassbarkeit der Handlungen sichtbar, so Sykora; sie zeige einen Ort der Exklusion und der Neutralisierung der Wirklichkeit durch Bürokratie.  In der zweiten Arbeit („Unbestimmtes Terrain“ – Set von 90 Fotos 2009) stößt sie in Istanbul und Ankara in Räume vor, „deren Bedeutung sich ihr nicht klar erschließen“. Sie unterlaufe gängige Stereotypien und halte die virulenten Dichotomien in Schwebe. Damit verwehre sie den Betrachtenden den einfachen Durchblick, erklärte Sykora – Eine Aufforderung, sich ein eigenes Bild zu machen.

 

„Ach, dieses Lächeln im Krieg war erschütternder als das Weinen“ (Karl Kraus)

Die an der Universität Rostock lehrende Historikerin Univ.-Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen konfrontierte in ihrer Vorlesung mit „Realitäten“ – und dabei v.a. mit „unbekannten Bildern des I. Weltkrieges“, wie sie die Archive zu Tage bringen und die nach wie vor ein vielfach unbearbeitetes Feld darstellen. Anhand des Habsburgerreiches, des russischen Zarenreiches und des osmanischen Reiches zeigte sie auf, inwiefern die Ausweitung der Kampfzone einen Krieg gegen die eigene multiethnische Zivilbevölkerung betraf. Im Habsburgerreich waren es all jene, die nicht Deutsch sprachen, die – nicht zuletzt als Ergebnis einer gezielten Informationspolitik - verfolgt wurden; im Zarenreich kam es zu Enteignung und Deportationen der Juden sowie der Bevölkerung mit deutscher oder polnischer Ethnizität; im osmanischen Reich fiel dem Genozid, der Gewalt einer radikalen Nationalisierung eine Million Armenier zum Opfer.

 

Dynamik der inneren Konversion

Der massiv verstärkte Eingriff des imperialen Staates in die Peripherien spiele hinsichtlich der Loyalität der Bevölkerung eine große Rolle, folgerte von Hirschhausen. V.a. im russischen und osmanischen Reich, aber auch im Habsburgerreich seien die Versuche, den imperialen Staat durch Maßnahmen gegen die ethnischen Minderheiten nationaler zu machen, misslungen. Die Exklusion habe die Bindung der Gesamtbevölkerung zum Staat geschwächt, die innere Desintegration der Kriegsgesellschaft habe zugenommen. In den multiethnischen Großreichen konnte der vermeintliche innere Feind leicht identifiziert und zum Gewaltobjekt gemacht werden – eine ethnische Verbindung zum äußeren Feind gepaart mit ökonomischer Stärke reichte aus, so von Hirschhausen. Ihr Schluss: „Die innere Konversion vom multiethnischen Imperium zum Nationalstaat, der Homogenität als seinen Kern betrachtet, trägt zur äußeren Auflösung der Imperien stärker bei als der Blick auf den äußeren Krieg suggeriert.“

 

Terminhinweise:

2. Teil des Vortrages von Univ.-Prof. Dr. Katharina Sykora: 02. August 2014, 10.00, Gr. Aula

2. Teil des Vortrages von Univ.-Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen: 02. August 2014, 11.00, Gr. Aula

Across the Universe/Nachtcafé: Literatur. Kunst. Religion, 02. August 2014, 20.00, Café Universum

 

Weitere Presseinformationen, das Programm sowie Bilder zur honorarfreien Veröffentlichung finden Sie unter: www.salzburger-hochschulwochen.at. Belegexemplare oder Hinweis erbeten.

 

 

Ansprechpartnerin:

Dr. Teresa Leonhardmair

Pressereferentin

Mobil: +43-(0)-650 98 71 223

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