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Dienstag, 29. Juli, Europa neu denken

 

Melancholischer Glaube und neuer Humanismus

 

 

Prof. Dr. Knut Wenzel schloss an die gestrige Frage an, ob nicht das Projekt Moderne, wie er es in der Metapher des Archipels entfaltete, aus sich selbst heraus als unvollendbar zu denken sei und stellte auf den Daphne-Mythos aufbauend die These eines „melancholischen“ - für die Archipelgestalt Europas normativ präsenten – Glaubensbewusstseins auf: Europa sei keine „säkulare  Sackgasse“, sondern ein „Laboratorium“  für eine Artikulation dieses neuen Glaubens. Nachdem Prof. Dr. María do Mar Castro Varela gestern die „Nachtseiten“ (G.M. Hoff) des europäischen Projektes aufgezeigt hat, widmete sie sich heute der Konsequenz der Paradoxien dieses ambivalenten Europas und zeigte Möglichkeiten eines epistemischen Wandels im Sinne der postkolonialen Theorie auf: „Wir müssen einen neuen Humanismus entwerfen!“ In einem „World Café“ am Nachmittag erörterten die beiden Vortragenden das Thema gemeinsam mit den Teilnehmenden.

 

(SHW2/teleo) Prof. Dr. Knut Wenzel kam auch heute seiner Absicht nach, dem Publikum der Salzburger Hochschulwochen „mehr zu bieten, als man im Moment aufnehmen“ und setzte seinen Diskurs zur Identität Europas fort, um sich heute der Religion als amorphe Begleiterin der Moderne zuzuwenden. Für Europa zentral sei jedoch nicht die Frage nach dem Stellenwert der Religion, sondern vielmehr die Zukunft des Glaubens, ja, der Ebenenwechsel von Religion zu einem Glaube, der sich nicht unbedingt in Religion artikulieren muss. Für ein Europa als Kontinent der Krísis ist diese Unterscheidung wesentlich.

 

Abenteuerliches „Herz“ Europas: bejahend und in derselben Regung verzweifelnd

Mit seiner Definition von Glaube als „Tiefendimension subjektiven Selbstbezuges“ verwies Wenzel auf dessen Vor-Religiosität. Das Glaubenssubjekt der Moderne wage mit dem Schritt  aus der „bergenden Hülle der Religion“ den „risikohaften Gang in die Bloßheit“. Unruhe und Aufbruch, nicht zuletzt der Zweifel an der Wahrheit des Glaubens an sich, sind Quellen des melancholischen Glaubenssubjektes. „Fehlen ihm die Wurzeln?“, fragte Wenzel, um gleich darauf das Bild der Luftwurzeln ins Spiel zu bringen. Das Herz des melancholisch Glaubenden sei nicht überwältigbar; in der Wehrlosigkeit und im Nein stecke das radikale „Ja“ eines Herzens, das sich auf das Absolute hin ausstreckt. Europa, der Archipel – das Land der Erwartung: Erfüllung der Erwartung ist nicht prognostizierbar; Erwartung braucht die Freiheit, kann nur getroffen werden von der Erfüllung. Dass sich das europäische Projekt nur so erfüllen kann, will melancholischer Glaube verdeutlichen: Hoffnung auf eine Welt, die sein werden möge, was sie sein könnte und der inhärente Zweifel, ob sie es jemals sein wird.

 

„Mit Gespenstern leben lernen“

Im zweiten Teil ihres Vortrages stellte Prof. Dr. María do Mar Castro Varela ihren Ausführungen nochmals die „Double Bind-Situation“ eines Europas voraus, dem – wie der Europa in der griechischen Mythologie - nicht nur das Gute und Schöne, sondern auch das Böse und Erschütternde eingeschrieben ist. Innerhalb dieses Europas haben sich imperialistische Subjekte formiert, die in ihren anspruchsvollen Texten Thesen mit dem Anspruch universaler Gültigkeit aufgestellt und mit ihren Texten gleichzeitig Unterwerfung, Ausbeutung und Mord gerechtfertigt haben. Es brauche also eine neue Wachsamkeit, die sich einem eurozentristischen Denken, das reflexartig Konzepte wiederholt, ohne sich der Umstände des Kontextes bewusst zu sein, ergo den „Geist als guten Geist aufruft und die Gespenster vergessen macht“ entgegenstellt.

 

Bildung als Instrument für einen epistemischen Wandel

Castro Varela zeigte die Bedeutung von Dekolonisation als nicht rein formale, sondern als eine Dekolonisation des Geistes auf. Ausgehend vom Konzept der epistemischen Gewalt als dem Dreh- und Angelpunkt in der Betrachtung von Machtstrukturen rief sie zum epistemischen Wandel im Sinne einer „erweiterten Denkungsart“ (Hannah Arendt) auf. Ins Zentrum ihrer Ausführungen stellte sie die Rolle der Bildung, die mit Gayatri Spivak zwangsfreie Neuordnung der Begehren und Wünsche sein muss und zentral für die Produktion der Subjekte ist – gleichermaßen in den Räumen der Subalternen wie in den Metropolen  des globalen Nordens. Eine derartige Pädagogik nehme emanzipatorische visionäre Entwürfe ernst und sei in der Lage, den in Gang gesetzten Prozess zu hinterfragen. Es handle sich um eine Form von Bildung, deren Konzepte im Ausscheren aus einem auf Effizienz ausgerichteten Weg, im Brechen von Regeln liegen – Um schließlich an einer Welt zu arbeiten, die eine „Urnotwendigkeit des Menschlich-Werdens“ (Judith Butler) im Sinne eines neuen Humanismus befördern.

 

 

 

Terminhinweise:

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Sonja Puntscher-Riekmann: 30. Juli 2014, 10.00, Gr. Aula

Vortrages von O.Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Ruth Wodak: 30. Juli 2014, 11.00, Gr. Aula

Preisverleihung Theologischer Preis an Prof. Dr. Christoph Theobald SJ und Prof. Dr. Michael Theobald, 30. Juli 2014, 19.30, Gr. Aula

 

Weitere Presseinformationen, das Programm sowie Bilder zur honorarfreien Veröffentlichung finden Sie unter: www.salzburger-hochschulwochen.at. Belegexemplare oder Hinweis erbeten.

 

 

Ansprechpartnerin:

Dr. Teresa Leonhardmair

Pressereferentin

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