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Montag, 29. Juli, Eröffnungsrede Erzbischof Kothgasser

 

Sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer der SHW 2013,
sehr geehrte Vortragende der SHW 2013,
meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ganz herzlich darf ich Sie alle zur SHW 2013 begrüßen.

 

Dieses Jahr hat die Kirche überrascht: mit dem Rücktritt Benedikt XVI., mit der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum Papst.  Diese Wahl stellt in mancher Hinsicht eine Grenzüberschreitung dar. Ein Lateinamerikaner. Ein Jesuit. Der erste Papst, der den Namen Franziskus trägt. Wie den Poverello aus Assisi zieht es ihn zu den Menschen. Er bewegt sich weg aus dem Zentrum und lenkt den Blick der Kirche auf die Peripherien. Von ihnen hatte der Kardinal Bergoglio auf dem Vorkonklave gesprochen, als er ein theologisches Programm für das nächste Pontifikat umriss. Der Papst „vom anderen Ende der Welt“ hat einschlägige Erfahrungen mit kirchlichen Grenzbereichen. Die pastoralen Räume, in denen sich der „Kardinal der Armen“ bewegte, sind vom Leben mit marginalisierten Menschen bestimmt. In Randzonen gesellschaftlicher Zustimmung und postmoderner Lebenswirklichkeiten findet sich die katholische Kirche selbst versetzt. Vor allem das ehemalige europäische Kirchenzentrum scheint peripher zu werden. Da gibt es Verlusterfahrungen.

 

Aber nicht die Wiederherstellung alter Machtstrukturen interessiert den Papst. Macht ist selbstbezüglich, auf Erhalt gepolt. Franziskus setzt stattdessen auf eine Kirche der Selbstüberschreitung, die sich aus den Zentren der Macht an die Grenzzonen erlittener Ohnmacht wagt. An den Rändern wird die alte Kirche jung, weil sie dort die Menschen erreicht. Weil sie dort den Auftrag des Evangeliums einlöst: für die Menschen in ihren Nöten da zu sein.

 

Auf dem Vorkonklave hat der Papst dafür deutliche Worte gefunden:

 

„Die Kirche ist berufen, aus sich selbst herauszutreten und zu den Rändern zu gehen, nicht allein in einem geographischen Sinn, sondern zu den existenziellen Rändern: denen des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, des Lebens ohne Religion – bis an die Grenzen des Denkens und allen Elends.“

 

„Bis an die Grenzen des Denkens“: auch das gehört zum Auftrag der Kirche. Kirche muss sich auf das Wissen ihrer Zeit einstellen, auf ihre Herausforderungen, ihre Risiken. Wissen ist gefährlich – die Kirche darf dem nicht ausweichen. Das verlangt die Bereitschaft, im Kontakt mit der Welt auch nach den eigenen kirchlichen Plausibilitäten zu fragen. Kirche darf nicht um sich selbst kreisen. Es gibt eine Eigendynamik kirchlicher Institutionen, es gibt eine kirchliche Selbstbezüglichkeit. Das macht Kirche krank.

 

In seiner Rede auf dem Vorkonklave spielte Kardinal Bergoglio auf eine Geschichte aus dem Lukasevangelium an.  Jesus trifft in der Synagoge eine Frau, deren Rücken verkrümmt ist (Lk 13,10-27). „Sie konnte nicht mehr aufrecht gehen.“ Jesus nimmt sie in ihrer Existenznot wahr. Er spricht sie an, er berührt sie. Das geht wie ein Ruck des Lebens durch diese Frau. Die Lebensmacht Gottes, die sich ihr in Jesus zuwendet, richtet sie auf. Mit dieser Frau identifiziert Bergoglio die Kirche. Die Konsequenz ist aufregend: Auch die Kirche muss den aufrechten Gang neu lernen. In sich selbst verkrümmt, findet sie nicht zu den gebeugten Menschen ihrer Zeit. Den Treibsatz dieses Gedankens zündet ein weiterer Vergleich. Jesus steht vor der Tür der Kirche und klopft an. Dieses Bild strapaziert Bergoglio nun bis an die Grenze des kirchlich Vorstellbaren. „Ich denke an die Zeiten, in denen Jesus von innen anklopft, sodass wir ihn herauslassen sollen. Die selbstbezügliche Kirche hält Jesus Christus in ihr und lässt ihn nicht heraus.“

 

Die Kirche – ein Gefängnis Jesu? Ein gefährliches Bild, das sich zwischen den Zeilen entwickelt. Der künftige Papst redet der Kirche ins Gewissen: Lasst Jesus Christus zu den Menschen! Das führt an die Ränder des Lebens, hinaus zu den Ausgegrenzten, Vergessenen, Übersehenen. Ihnen gilt die Aufmerksamkeit Jesu. Sie richtet er auf. Das sprengt die Grenzen einer Kirche, die sich in ihren eigenen institutionellen Rahmen einsperrt. In ihre Gesetze. In Rituale des Selbstverständlichen. In das, was Bergoglio „theologischen Narzissmus“ nennt.

 

Hier setzt sich ein Wissen von der Kirche durch, das etwas Gefährliches beinhaltet. Es verlangt nämlich, den Ort der Kirche und ihre Praxis zu überprüfen. Auf dieser Grundlage kann sich die Kirche den Herausforderungen ihrer Zeit stellen und neu zu den Menschen finden. Papst Franziskus lebt dies auf eine beeindruckende Weise vor.

 

Die SHW im Jahr 2013 bewegt sich mit ihrem Thema „Gefährliches Wissen“ auf dieser Linie.

 

Ich freue mich, sie auch in diesem Jahr eröffnen zu dürfen!