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Freitag, 2. August, Gefährliches Format finanzökonomischer Lehrmeinung

 

Vogl: „Wirtschaftssysteme sind nicht realistisch, sondern zutiefst moralisch, metaphysisch, theologisch“

 

Prof. Dr. Joseph Vogl, Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft führte in der zweiten Vorlesung des heutigen Tages aus, wie liberale Finanzmärkte an die „Verkörperung einer fundamentalen Hoffnungsfigur“ gekoppelt sind und der Markt als „privilegierter Ort von Ordnung und göttlicher Vorsehung“ bestimmt wird. Zuvor widmete sich Prof. Dr. Stephan Borrmann, 2012 mit dem renommierten European Research Council ERC Advanced Research Grant ausgezeichneter Meteorologe dem inhärenten Gefahrenpotenzial der Vorhersehbarkeit von Wetter, Klima und Luftqualität: „Anzahl und Intensität von Extremereignissen stiegen in den letzten 100 Jahren insgesamt und global an.“

 

(SHW5/teleo) Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften müsse als gefährliches Wissen angesehen werden, weil die Modelle keine Erklärungen für die Regelmäßigkeit von Krisen auf den Finanzmärkten bieten und weil dieses Modell wesentlich für die Durchsetzung und Rechtfertigung dieser Märkte verwendeten wurden. Es handle sich hierbei um einen der größten und fatalsten Irrtümer der jüngeren Wissenschaftsgeschichte, so Prof. Dr. Joseph Vogl in der abschließenden Verdichtung seiner Thesen. Der vielfach als Publizist hervorgetretene Intellektuelle ist einem breiten Publikum ob seines Essays „Gespenst des Kapitals“ vertraut, in dem er den Terminus der Oikodizee entwickelt.

 

„Der Souveränitätseffekt – Markt und Macht im ökonomischen Reigen“

Der globale Finanzcrash von 2008 ist lt. Vogl zugleich eine intellektuelle Katastrophe: Das intellektuelle Gebäude der Wirtschaftswissenschaft brach zusammen. Schwer zu verstehen, dass die Restauration des alten Wirtschaftssystems beobachtet werden kann: „Die Krise als Weg zur Befestigung des Systems das exakt zur Krise führte.“ Gefährliches Wissen formiere sich doppelt. Einerseits im Verkennen der ökonomischen Wirklichkeit, andererseits im Beitrag des Wissens zur Krisen-Produktion. Welche noch wirksamen theoretischen Modelle Krisen produzieren zeigte Vogl in seiner Vorlesung.

 

Adam Smiths „Unsichtbare Hand“

Vogl bestimmte die alte Metapher von der „unsichtbaren Hand“ (neben dem Ausgleichsgedanken) als Grundlage, auf der die Hypothese von der Markt-Effizienz beruhe – gleichzeitig ein „Ordnungsversprechen eigener Art“, gründe doch die Magie des Systems auf der Annahme vom Markt als vorbildlicher Ordnungsleistung für eine harmonische Gesellschaftsordnung. Vogl konstatierte eine Tendenz zum Physikalismus in der Markttheorie, wodurch Letztere im Wesentlichen zur „Sozialen Physik“ bestimmt werde; es existiere eine „erstaunliche Haltbarkeit Newtonscher Semantik“. Der Markt als Ausführer von Naturgesetzen, an dessen Gehorsam sich alles messen solle – ja, als „Verwirklicher“ praktischer Vernunft sei an die egoistische Entfesselung der Subjekte gekoppelt. Die unverwüstliche liberale Überzeugung vom Ordnungsgedanken kann als Erbe der alten Theodizee-Lehre gelesen werden. Wie gegenwärtige Turbulenzen jedoch adäquat beschrieben werden können, verdeutlichte Vogl anhand des amerikanischen Querdenkers Hymen P. Minsky, mit dem die Finanzmärkte nicht zuletzt als „System vom Antizipationen“ deklariert werden können.

 

„Seherischen Qualitäten“ (Hoff) der Atmosphärenforschung

Als „gefährliches Wissen“ bezeichnete Prof. Dr. Stephan Borrmann, erster Vortragender des heutigen Tages Vorhersagbarkeit insofern als es trotz relativ guter Prognosen von Einzelereignissen zu einer nur ungenügenden Anpassung an diese komme. Zunächst skizzierte er Grundlagen der Herstellung von Prognosen in Bezug auf Wetter und Klima. Atmosphärenforschung erfasst relevante Prozesse und baut diese in Computermodelle ein. Wetter-/Klimamodelle haben sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt: „Sie können über das Wetter klagen, nicht aber über die Prognosen.“ Wissen werde da gefährlich, wo es fehlt: Der Mangel an höchst relevanten Daten - z.B. durch geringe Anzahl an Radiosonden oder Ausfall eines Wetterballons – kann trotz qualitativer Steigerung von Voraussagen zu drastischen Konsequenzen führen. Wissen werde auch da gefährlich, wo es zu falschen oder überzogenen Reaktion führt: Versicherungen verweigern sich Gefahrenzonen von Naturkatastrophen; Infrastrukturen oder Prävention sind trotz besseren Wissens oft nur mangelhaft.

 

 

Terminhinweise:

Teil 2 des Vortrages Prof. Dr. Stephan Borrmann, morgen 03. August 2013, 10.00, Große Aula

Teil 2 des Vortrages von Prof. Dr. Joseph Vogl, morgen 03. August 2013, 11.00, Große Aula

Akademischer Festakt, Festvortrag: Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, 04. August, 10.30, Große Aula

 

Weitere Presseinformationen, das Programm sowie Bilder zur honorarfreien Veröffentlichung finden Sie unter: www.salzburger-hochschulwochen.at. Belegexemplare oder Hinweis erbeten.

 

 

Ansprechpartnerin:

Dr. Teresa Leonhardmair

Pressereferentin

Mobil: +43-(0)-676 44 10 344

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