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Montag, 6. August, Zukunft verantworten


Krisen und Konflikte fordern Theologie und Politik 


Ökonomische, politische, kulturelle, ökologische Umbrüche verlangen nach neuen Antworten und einer Rückbesinnung auf die unantastbare Würde menschlichen Lebens. Anlässlich der Eröffnung der Salzburger Hochschulwoche 2012 betont Erzbischof Alois Kothgasser: „Der Mensch ist mehr als sein Ort im System. Der Mensch bleibt unverrechenbar. Die Würde jedes einzelnen Menschen gründet in der Unverfügbarkeit des Lebenszuspruchs durch Gott.“ Der freiheitliche, säkulare Rechtsstaat bekennt sich zur unantastbaren Würde des Menschen und tut sich doch schwer, diese zu begründen. Das Verhältnis zwischen Theologie und Politik, Kirche und Staat ist folglich ein Hauptthema der diesjährigen Hochschulwochen. Den Beginn macht Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich W. Graf, der nach der Leistungsfähigkeit der Kirchen angesichts immer pluralistischer Gesellschaften fragt. Obmann Univ. Prof. Dr. Gregor Maria Hoff entwickelt eine topologische Fundamentaltheologie.


Die Rede von Menschenwürde bzw. Menschenrechten ist gerade angesichts wachsender Krisen- und Konfliktherde von höchster Brisanz. Doch zeigt sich früh ein Dilemma: Wie kann der absolute Geltungsanspruch der Menschenrechte in einer pluralistischen, ständig im Prozess befindlichen Welt begründet werden? Erzbischof Alois Kothgasser erläutert: „Die Würde von Menschen ist alles andere als fraglos gegeben. Die Zuschreibung einer Würde, die sich jeder parlamentarischen Abstimmung entzieht und die man Menschen deshalb nicht entziehen kann – sie bedarf der Bestimmung eines Grundes.“ Der freiheitliche Rechtsstaat basiert demnach auf einem Grund, den er selbst nicht setzen kann, sondern dem er nur zustimmen kann. Kothgasser fährt fort: „Man muss dem zustimmen, was vor aller Zustimmung liegt. Ein demokratisch unmöglicher, aber human notwendiger Satz.“ Das Unverfügbare ist einerseits der Raum, in dem sich moderne Verantwortungskonflikte abspielen. Andererseits eröffnet sich gerade im Unverfügbaren die Möglichkeit von Freiheit, Entwicklung und Menschenrechten. „Hier wird Theologie politisch – in der Verantwortung des Humanen angesichts seiner Bestreitungen“, schließt Kothgasser.


Wider die „moralische Zwangsvergemeinschaftung“


Eine große Skepsis bezüglich des Naheverhältnisses zwischen Kirche und Staat, Theologie und Politik legt Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich W. Graf an den Tag. In seiner Eröffnungsvorlesung kritisiert er das „selbstauferlegte ethische Mandat“ der Kirchen, das diese ständig überfordert. Der moralisierende Zeigefinger ist zum Hauptkommunikationsorgan geworden, dem die Kirchen jedoch selbst nicht gerecht werden. Wer den moralischen Zustand der Gesellschaft kritisiert, muss auch selbst Kritik einstecken können. Er schließt sich Habermas an, der religiösen Akteuren das Recht auf aktive Mitarbeit im öffentlichen Diskurs zuspricht, doch müssen sich diese an die Spielregeln des demokratischen Systems halten und anderen jene Rechte zugestehen, die sie für sich selbst fordern. Graf fragt: „Warum sollen sich im freiheitlichen Rechtsstaat alle nach der Sondermoral einer Gemeinschaft halten?“. Als Beispiel bringt er die derzeitige deutsche Debatte zur Sterbebegleitung, in der sich die Deutsche Bischofskonferenz aktiv einbringt.


Die Trennung von Politik und Religion muss laut Graf immer wieder neu erkämpft werden, auch in Europa und insbesondere im Bereich der Ethik. „Demokratie löst Unterschiede auf, lässt Privatraum zu und erzwingt keine moralische Vergemeinschaftung“, beschließt Graf seine erste Vorlesung. Spannenden Diskussionen und Anfragen in den nächsten Tagen sind vorprogrammiert.