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Freitag, 10. August, Mit Maß und Ziel in die Zukunft


Verantwortung als zentrales Kriterium in Ethik, Entwicklung und Politik


Vor einem moralisierenden Leerlauf des Verantwortungsbegriffs warnte der Sozialethiker Markus Vogt (LMU München) bei den Salzburger Hochschulwochen. Er forderte eine Revision des Begriffs und zeigte, was eine „neue Verantwortung“ zur Stabilisierung der demographischen Entwicklung beitragen kann. Die Soziologin Martina Löw (TU Darmstadt) erläuterte den Einfluss von Städten auf Persönlichkeit und Lebenschancen und die daraus resultierende Verantwortung der Stadtentwicklung. Den Frauen im Arabischen Frühling widmete sich Martin Gehlen (Kairo). Korruptionsbekämpfer Peter Eigen (Berlin) berichtete aus seiner Praxis bei Transparency International.


„Folgenabwägung mit Augenmaß“ definiert Prof. Dr. Markus Vogt MA in Anlehnung an Max Weber Verantwortung. So gedacht wird Verantwortung zu einer Säule theologischer Ethik, die Güterabwägung und Wertorientierung verbindet. Diese Verantwortungsethik gleitet nicht ins Moralisieren ab, sondern stellt sich der Realität in ihrer Komplexität. Anhand der globalen demografischen Entwicklung führte Vogt die Leistungsfähigkeit einer theologischen Ethik der Verantwortung vor Augen. „Die Zukunft menschlicher Existenz auf dem Planeten Erde hängt wesentlich davon ab, ob und wie wir global fähig werden, die demografische Entwicklung verantwortlich zu gestalten“, mahnte Vogt. Dazu brauche es eine Gesamtstrategie aus ökonomischer, ökologisch vertretbarer Weiterentwicklung, mehr Bildung und Aufklärung in puncto Familienplanung. Insbesondere Frauen und Mädchen seien hier anzusprechen. „Wer über Demographie redet, muss über Gleichberechtigung reden!“, plädierte Vogt.


„Auch Arme haben ein Recht auf Familienplanung!“


Aus verantwortungsethischer Perspektive spricht sich Vogt für ein „Recht auf Familienplanung“ aus, das auch für Arme realisierbar sein muss, sowie eine Kombination aus Gesundheitsfürsorge und -hygiene. Das kirchliche Lehramt wie säkulare Ansätze haben laut Vogt noch einiges aufzuholen. So scheitere die Enzyklika Caritas in Veritate daran die strukturellen Probleme der Bevölkerungsentwicklung zu benennen. Die zentrale Stellung von Frauen für die Entwicklung werde einfach ausgeblendet. Doch eindimensionale Ansätze, die nur auf Naturrecht, deontologische Sätze oder Folgenabschätzung setzen, können zur verantwortlichen Gestaltung der demographischen Entwicklung nicht beitragen.


Martina Löw: Bauen in der Eigenlogik der Städte


Die Zukunft der Erde ist urban. Prof. Dr. Martina Löw (TU Darmstadt) verwies auf den engen Zusammenhang von Mensch und Stadt. „Jede Stadt hat ihre eigene Kultur, ihre eigene Logik, mit der sich jeder Einwohner auseinandersetzen muss. Man kann nicht gegen die Eigenlogik einer Stadt arbeiten – diese Strategie muss scheitern!“, mahnte Löw die Stadtentwickler. Am Beispiel des Kölner Diözesanmuseums „Kolumba“ von Peter Zumtor erläuterte sie, wie die Geschichte und Kultur einer ganzen Stadt in einem Bauwerk aufgearbeitet und weitergeschrieben wird. „Bauen wird so zum Weiterbauen. Mit dem Diözesanmuseum übernimmt Zumtor Verantwortung für Köln und schafft ein Gravitationszentrum für eine aus den Fugen geratene Stadt“, schloss Löw.


Frauen im Arabischen Frühling: Von der ersten Reihe an den Herd verdrängt?


Auf die Spur der Frauen im Arabischen Frühling machte sich Dr. Martin Gehlen, Medienkorrespondent in Kairo. Seit 2011 gibt es in zahlreichen arabischen Ländern Aufstände gegen Regime. „Die Frauen waren von Anfang an vorne mit dabei – doch wie sind sie nun?“, fragte Gehlen. Die Hoffnungen für Gleichberechtigung haben sich vielfach zerschlagen, systematische Gewalt gegen Frauen in der Öffentlichkeit steht zunehmend an der Tagesordnung, insbesondere in Ägypten. „In der arabischen Welt prallen die Sehnsucht nach einer offenen, demokratischen Gesellschaft für Bürgerinnen und Bürger und konservative Gegenkräfte, die Frauen gezielt ausgrenzen und ins Haus verdrängen wollen, aufeinander“, berichtete Gehlen.


Peter Eigner: „Nationalstaaten machtlos gegen Korruption“


Seit Jahren engagiert sich Prof. Dr.Dr.h.c. Peter Eigner im Kampf gegen die Korruption. Der Gründer von Transparency International berichtete in Salzburg aus der Praxis seiner Organisation. „Die nationalen Regierungen haben nicht die Reichweite, um der globalen Korruption Herr zu werden. Nationalstaaten können mit riesigen Banken und Unternehmen nicht mehr mit!“, resümierte Eigner. Er forderte ein verstärktes ziviles Engagement gegen Korruption sowie die Professionalisierung und intensivere Kooperation zwischen den Organisationen.