Skip to main content

Dienstag, 7. August, Wider kirchliche All-Zuständigkeit


Graf fordert Kirchen zur Rückbesinnung auf ihre Kernkompetenzen


Die Notwendigkeit, aber auch die Grenzen kirchlicher Verantwortung in der plu-ralistischen Moderne legte Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich W. Graf auf den Salzburger Hochschulwochen dar: „Kirchen neigen dazu, sich zu allem zu äu-ßern. Doch wer ständig redet, betreibt seine eigene Entwertung.“ Univ. Prof. Dr. Gregor M. Hoff deutete verantworteten Glauben messianisch: „Das Messi-anische ist unverrechenbar, setzt sich fort, muss immer neu erlebt werden. Der Weg Jesu kennt keinen Abschluss. Wir müssen uns ergreifen lassen – aber nicht blind und kriterienlos!“

 
Ausgehend von der Freiburger Rede des Papstes und dem Begriff der „Entweltli-chung“ erläuterte Graf, Professor für evangelische Theologie an der Universität München, den Ekklesiologieentwurf Joseph Ratzingers/Benedikt XVI. Er zeigte, wie Ratzinger in seiner Theologie entscheidende Begriffe und Diskurse der pro-testantischen Theologie des 20. Jahrhunderts entnommen und in seine eigenen Entwürfe integriert hat. Die Ablehnung der „Volkskirche“ und der „lauen Weih-nachtschristen“ sowie das Ideal von Kirche als Gesinnungs- und Überzeugungs-gesellschaft seien typisch protestantische Motive, die in der Freiburger Rede wieder auftauchen würden und bereits im 1966 veröffentlichten Ekklesiologieentwurf Ratzingers zu finden seien.


Graf: „Wer ständig redet, betreibt seine eigene Entwertung“


Graf warf Ratzinger vor, keinen Platz für Außenperspektiven zu haben: „Entweltli-chung kann von Benedikt XVI nur gefordert werden, weil er sich um die Welt nicht kümmert. Jeglicher Bezug auf die soziale Umwelt fehlt in seiner Ekklesiologie. Doch Theologie kann die moderne Gesellschaft nur mit Hilfe der Sozialwissenschaften wahrnehmen.“ Benedikt XVI würde jedoch an der pluralistischen Moderne leiden und Kirche als Avantgarde-Modell einer moralischen Idealgemeinschaft verstehen.
Schließlich rief Graf die Kirchen zu einer Rückbesinnung auf ihre Kernkompetenzen auf. „Kirchen neigen oft dazu, sich zu allem und jedem zu äußern. Die Phantasmen der All-Zuständigkeit müssen bekämpft werden. Weniger ist mehr. Wer ständig redet, betreibt lediglich seine eigene Entwertung.“


Das Messianische als Wurzel einer neuen Ekklesiologie


Einen ekklesiologischen Neuentwurf stellte Univ. Prof. Dr. Gregor M. Hoff vor. Ausgehend von einer messianischen Topologie entwickelte er Kirche als messia-nische Gemeinschaft, die Gott immer neu in der Nachfolge Jesu Christi erfährt und erkennt. Das Messianische dient dabei als Vermittlungsfigur zwischen Präsenz und Abwesenheit Gottes. Der hebräische Begriff der Schechina, der Gegenwart Gottes, zeigt, wie Gott Räume füllt, ohne jedoch selbst zu diesem Raum zu werden. Die Re-de vom Messianischen führt dies führt fort. Es ereignet sich, kann jedoch nicht erfasst, sondern nur in der Nachfolge Jesu erlebt werden. Das Unberechenbare des messianischen Einbruchs verbunden mit der absoluten Gegenwart Gottes werden für Hoff zum Ausgangspunkt einer lebendigen Kirche.
Neben den theologischen Grundlegungen des Themas „verantworten“ durch Graf und Hoff widmen sich weitere Vorträge den Konkretisierungen. Prof. Dr. Karin Wilkening erläutert verantwortungsvolles Umgehen mit dem Lebensende am Beispiel der Hospizbewegung. Eindrucksvoll vermittelt sie, wie gerade angesichts des Sterbens noch einmal völlig neue Entwicklungen im Menschen möglich sind. Prof. Dr. Mark Roche widmet sich dem Hässlichen und Schönen in Kunst und Literatur. Dr. Rainer Hagencord stellt seinen Entwurf einer theologischen Zoologie vor.