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Montag, 1. August, Christliche Identität in Zeiten des Wandels

 
„Die Spannung von sicher – unsicher eröffnet eine Topographie der menschlichen Existenz“, betont Erzbischof Alois Kothgasser in seiner Eröffnungsrede zu den Salzburger Hochschulwochen 2011. Obmann Univ. Prof. Dr. Gregor Maria Hoff erblickt in diesem Gegensatzpaar die neue Weltformel nach Fukushima. In den 80 Jahren ihres Bestehens hat sich der gesellschaftliche Kontext des Christentums radikal gewandelt. Detraditionalisierung und Individualisierung fordern christliche Identität heraus. In ihren Vorlesungen widmen sich Prof. Dr. Lieven Boeve (Leuven) und Jun.-Prof. Dr. Matthias Sellmann der Bearbeitung des prekären Zusammenhangs von Sicherheit und Unsicherheit aus fundamen-taltheologischer und pastoralsoziologischer Perspektive. 
 

„Die Option, Christ zu sein, hat insbesondere für die junge Generation in Westeuropa ihre Selbstevidenz verloren. Hinzu kommt, dass auf Grund von soziokulturellen Entwicklungen und den kirchlichen Reaktionen darauf, die Kirche ihre gesellschaftliche Relevanz und Plausibilität verloren zu haben scheint.“ Ausgehend von diesen Beobachtungen spürt Lieven Boeve, Professor für Fundamentaltheologie an der kath. Universität Leuven, den Bedingungen christlicher Identitätsbildung im 21. Jahrhundert nach. Christlicher Glaube ist seit jeher an den Kontext gebunden. Ändern sich die Rahmenbedingungen, muss sich Glaube, wie er es in der Vergangenheit so oft getan hat, rekontextualisieren: aus der jüdischen in eine römisch-hellenistische in eine germanische Umwelt und nun in den Kontext der Moderne.
 

Offenes Narrativ des Christlichen: Andersheit theologisch konstruktiv aufnehmen
 

Die These der Säkularisierung mit dem sie oft begleitenden Vorwurf der Entchristlung Europas geht laut Boeve an der europäischen Realität vorbei. Diese sei geprägt von Detraditionalisierung und Individualisierung, Prozessen, die einen Kontext der Verunsicherung bilden. Betroffen davon sind Christen genauso wie Muslime, Hindus oder auch Atheisten. Tradition bietet keine fertigen Identitäten mehr, diese müssen unter dem Druck des Marktes erst gebildet werden. Wie sieht der Beitrag von Kirche, Theologie und Seelsorge zu einer solchen Identitätsbildung aus? Boeve fordert ein offenes christliches Narrativ, das sich von der Andersheit des Anderen herausfordern lässt, sich konstruktiv auf ihn bezieht und sich zugleich seiner eigenen Partikularität bewusst ist. Dies führt nicht zu einem Relativismus, denn „unser Bewusstsein für die Einzigartigkeit unseres eigenen Narrativs ruft uns erneut dazu auf, es ernst zu nehmen. Wir können nicht einfach unsere Zugehörigkeit zu unserem Narrativ leugnen. Vielmehr bedingt es irreduzibel unsere Sicht auf das Leben als solches, und verleiht eine Perspektive, die sich mit der Zeit vielleicht verändert, aber niemals aufgehoben wird.“
Über die theologische Relevanz eines solchen offenen Narrativs, die Rolle Jesu darin und die Folgen für christlich Identität heute wird Prof. Boeve am 2. August referieren.
 

Die Unsicherheit des Individuums – soziologisch rekonstruiert
 

Kapitalistische Zwänge, Entfremdung, Unbehagen, Überforderung mit Chancen, Unübersichtlichkeit – der Preis für die moderne Freiheit liegt in der Sicherheit. Moderne Gesellschaften verweigern die Vollinklusion der Subjekte. „Das System Wirtschaft inkludiert mich als Kunde, das System Politik als Wähler usw.“, konstatiert Dr. Matthias Sellmann vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Ruhruniversität Bochum im Anschluss an den Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Doch gerade in dieser nur teilweisen Inklusion liegt Freiheit. Gleichzeitig wächst der Druck diese Freiheit zu gestalten, zum Individuum zu werden. Der Zwang, jemand zu sein, bestimmt die moderne Sozialordnung. Wie dieser freiheitliche Zwang auszuhalten ist, darüber spricht Prof. Sellmann am 2. August.