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Predigten bei den Salzburger Hochschulwochen am 2., 3. und 4. August 2010 in St. Peter zu Salzburg - Leben und überleben – im Angesicht des Endlichen

Vorwort


Hochschulwoche und Predigt passen auf den ersten Blick schwerlich zusammen; denn in dieser Woche werden interdisziplinär Fragen des Menschen und der Gesellschaft unter philosophischen, ökonomischen, ökologischen, psychologischen, theologischen und noch anderen Aspekten reflektiert mit jenen Methoden, welche in der Hochschule bzw. Universität Usus sind. Es wird gefragt: Warum ist etwas so wie wir es vorfinden? Könnte es nicht auch anders sein? Wie, wann, wo ist etwas entstanden und wozu kann es dienen? Bei jedem Thema werden viele Möglichkeiten angedacht, erprobt, begründet, verworfen. „Freies Gespräch im freien Raum ist eine Universität“, so formulierte es John Henry Newman. Jede Frage ist zugelassen, jedes vernünftige Argument wird abgewogen.

Anderes sagt man von der Predigt. Sie ist eine Bekenntnisrede. Im Rahmen eines Gottesdienstes ertönt sie. Wahrheiten des Glaubens stellt sie in den Zusammenhang mit dem konkreten Leben. So will sie die Hörenden aufbauen, ihnen Zweifel nehmen und Orientierung geben. Im Gegensatz zu den anderen Texten der Liturgie, den Gebeten, Lesungen und Hymnen ist sie freie Rede, die sich freilich an der Autorität der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche orientiert. Sie will dennoch rational argumentieren und dabei bekennend eine Glaubenswahrheit demonstrieren. Ihr Ziel ist es, den Hörenden zu vermitteln: Die Wirklichkeit des ewigen Gottes kommt uns nahe. Dazu zieht sie Ergebnisse theologischer, philosophischer oder religionswissenschaftlicher Forschung bei. Damit freilich nähert sie sich jenen anderen literarischen Gattungen, die in der Universität durchaus auch gesprochen werden, wo Überzeugung und Bekenntnis öffentlich kundgetan werden („Professor“ kommt von „profiteor“, das heißt „öffentlich bekennen“). Die Predigt muss sich vor allem der Theologie verpflichtet wissen – gleichermaßen wie den Texten, die im Gottesdienst gelesen werden. So ist die Predigt selbst Theologie, „Gott-Rede“, und hat – darüber hinaus – Anklänge zum Gebet. Vor allem soll sie zum Gebet anregen. Die vorliegenden drei Predigten nahmen die Lesungen, die in der Liturgie für die Tage vorgesehen sind, zur Basis, um einige Aspekte zum Thema der Hochschulwochen 2010 beizutragen, das lautete: Endlich – leben und überleben.

 

1. Predigt: Prophet gegen Prophet; Jer 28, 1-17

Endlich – leben und überleben“. So lautet das Motto dieser Woche. Grenzen wollen wir uns vor Augen stellen, Grenzen unseres Daseins, Grenzen der Möglichkeiten. Fragen wollen wir: Was ist zu tun, um zu überleben und die Chancen der Grenzen zu nutzen? Zufällig trifft in der Liturgie heute ein Text als Lesung, der von einer dramatischen Grenze in der Geschichte des Gottesvolkes Israel spricht. Er erzählt, wie schwer sich damals die Verantwortlichen, also die Regierenden, und das Volk taten, die Grenzsituation wahrzunehmen und einen Weg fürs Überleben zu finden. Einsam redet ein Prophet – gegen Regierung und gegen Volk. Ein Gegenprophet, der dem Volk nach dem Mund redet, bekämpft ihn. Was war geschehen? Wie lief der Weg des Erkennens?

I.

Die politische Lage in Israel hatte sich dramatisch zugespitzt. Circa 30 Jahre zuvor war das Nordreich Israels untergegangen. Die Assyrer hatten es ausgelöscht. Diese waren ihrerseits durch die Babylonier abgelöst worden. Nebukadnezar II., der neue Herrscher, war entschlossen, das übernommene Weltreich auszuweiten. Im Jahr 597 (v. Chr.) war er bereits in Jerusalem eingefallen. Den aufmüpfigen (und wenig frommen) König Jojakim hatte er zusammen mit den Edlen des Reiches und den führenden Handwerkern in die Gefangenschaft geführt und dessen Sohn Zidkia als Regenten eingesetzt. Dieser wiederum tendierte mit seinen Räten dazu, sich aus dem Joch der Babylonier zu befreien. Im Geheimen hatte er Beziehungen zu den Nachbarn aufgenommen, um langfristig eine Koalition gegen den Großkönig zu schmieden. Falsche Berater unterstützten ihn. Einer von ihnen war der Prophet Hannanja. Er tat sich besonders hervor. Im Tempel verkündigte er öffentlich vor großer Versammlung: Es wird nicht mehr lange dauern. Gott wird dem Volk helfen, er wird es befreit aus dem Joch, wie er das Volk in der Geschichte schon oftmals befreit hat aus unterschiedlichen Nöten. Zurückkehren werden die Gefangenen. Der Tempel des Herrn ist die Garantie dafür, dass Gott mächtiger ist als die Götter Babylons. Ein Grunddogma unserer Theologie heißt: Gott ist mit seinem Volk. Er hat uns noch nicht verlassen, und dies werden wir bald wieder demonstriert bekommen. Unter seinen Hörern war auch der Prophet Jeremia. Dieser hatte schon seit einiger Zeit immer, wenn er öffentlich auftrat, ein hölzernes Joch über seine Schultern gelegt, um zu demonstrieren: Ich bin überzeugt, Gott seinem wird dem Volk eine Last auflegen, um es zu reinigen und zu einer neuen Gestalt zu führen. Hanannja geht zu ihm hin, reißt ihm das Joch von der Schulter und zerbricht es vor den Augen aller. Jeremia ist zunächst erstaunt über Hannanjas Worte und sein sicheres Auftraten. Doch schon nach kurzer Zeit kommt er zur Gewissheit: Hannanja lügt. Er redet, was die Leute gerne hören. Er treibt die Leute ins Verderben; denn diese Worte kommen nicht von Gott. Jeremia sieht sich gezwungen zur Gegenrede. Er spricht voll Sorge und überdeutlich: Ihr lasst euch belügen! Ihr erkennt nicht an, was offensichtlich der Fall ist: Die Geschichte des Volkes und der Religion ist an eine Grenze gekommen. Ihr bildet euch ein, alles werde sich wieder wenden und bald könne es weiter gehen, wie es war. Was ihr erreichen werdet, das muss ich euch nun zeigen. Und von dem Tag an legt er ein eisernes Joch auf seine Schulter und dokumentiert damit: Das Joch aus Holz habt ihr abgeworfen und zerbrochen, ein Joch aus Eisen wird euch auferlegt. Was ihr als Garantie der Gott-Näh anseht, der Tempel, wird zerstört werden, wie das Heiligtum in Schilo vor einiger Zeit zerstört worden ist. Ihr beruft euch auf religiöse Zusagen. Diese entsprechen aber längst nicht mehr dem, was ihr religiös aus ihnen gemacht habt. Formal ist eure Religion geworden. Sie hat nicht die Kraft, dem Ansturm der gegenwärtigen Feinde standzuhalten. Gereinigt muss sie werden – und gereinigt wird sie durch das, was ihr als Grenze erleben müsst. Eure Tage sind gezählt, ihr könnt nicht, wie ihr wünscht, endlich wieder frei leben und nach dem Muster des Bisherigen überleben. Das Ende eures politischen Lebens ist besiegelt, und auch das Ende der religiösen Organisation in der bisherigen Form ist besiegelt. Was euch überleben lässt, das müsst ihr leidvoll suchen. Jeremia wird an vielen anderen Stellen andeuten und formulieren, wie dieses Suchen aussehen kann. Er spricht dieses an, um jene, die – wie er – den Untergang voraussehen oder schon spüren, zu trösten und ihnen Mut zu machen.

II.

Was, so mögen Sie fragen, macht den Hannanja zum falschen und den Jeremia zum wahren Propheten? Hannanja scheint der frömmere zu sein. Er schwingt sich zu einem religiösen Kraftakt auf. Aus theologischen Prämissen heraus schließt er: Gott wird retten; denn immer noch steht der Tempel, und in diesem hat Gott sich niedergelassen. Schließlich ist es kaum zwanzig Jahre her, dass die Liturgie im Tempel grundlegend erneuert wurde. Neu wurden theologische Grunddaten formuliert und für viele Glaubensaussagen wurden neue Formulierungen gefunden. Auch ist dabei eine große Reinigung des Volkes und der Glaubenspraxis vorgenommen worden. Deshalb dürfen wir darauf vertrauen: Gott wird sich als mächtig erweisen – wie er dies in der Geschichte des Volkes immer getan hat. Zwar hat er das Volk oftmals geprüft, hat es bestraft, ihm aber am Ende Rettung gebracht. Jetzt, so denkt Hannaja, war schon genug der Strafe, da die Stadt überfallen, der König und die Großen verschleppt und Gerät aus dem Tempel geraubt wurden. Das ist genug an Strafe. Es ist genug Sühne geleistet. Jetzt muss der Zeitpunkt sein, an welchem JHWH wieder seine Gnade zeigt. Und so kündet er in blind vertrauendem Glauben: Die Rettung steht vor der Tür. Das ist die Botschaft des Hannanja. Wir können auf den ersten Blick sagen: Ein frommer Prophet redet da, ein vertrauender Mensch, ein grenzenlos vertrauender. Wie sollten die Leute ihm nicht glauben! Er sagte das, was sie hören wollten. Er kündigte, was bereits in geheimen Diplomatenkreisen geplant wurde. Er sprach allen nach dem Herzen – und sogar Jeremia war für kurze Augenblicke verwundert. Er hätte auch allzu gerne geglaubt, was der Hannanja sagte. Doch dann überwältigen ihn die Tatsachen, und er las aus ihnen, was kommen wird und was sich aus dem bislang ergangenen „Gott-Wort“ ergab. Er erkannte: Die Worte des Hannanja könnten – aus kritischer theologischer Überlegungen heraus – nur zutreffen, wenn es im Volk eine wirkliche Bekehrung gegeben hätte. Doch diese blieb im Ansatz stecken – damals, als vor mehr als zwanzig Jahren der König Joschia (622 v. Chr.) die Reform durchführte. Die Herzen der Menschen haben sich nicht verändert; das soziale Verhalten ist gleichermaßen ungerecht geblieben; die Religiosität ist bei den Vielen im Formalen erstarrt. Die Seelen der Menschen haben sich nicht dem Ewigen zugekehrt. Die Voraussetzungen für eine Befreiung, die auch ins Politische durchschlagen könnten, sind mitnichten gegeben. So darf nicht mit einem Wunder gerechnet werden. Und die äußeren Verhältnisse zeigen eindeutig darauf hin, dass sich Gott des Fremden bedient, um sein Volk zu läutern. So musste Jeremia gegen die öffentliche Meinung und gegen die geheimen Wünsche aller sagen, was niemand hören wollte: Der Prophet Hannanja lügt! Sein Glaube und seine theologischen Deduktionen basieren auf falschen Voraussetzungen.

 

III.

ie mögen fragen: Was bedeuten diese Überlegungen für uns heute? Zu allen Zeiten gibt es Lügenpropheten – mögen sie religiös ausgerichtet sein oder durch andere Motive getrieben werden, analytisch und kritisch die jeweilige Lage zu kommentieren und zu beeinflussen suchen. Sie reden, was alle gerne hören. Sie verwischen die Grenzen. Und sie sprechen vom Überleben in der Weise, dass alles wieder so werden wird, wie es war – oder noch besser sein wird, aber nach dem Muster des Bekannten. Die wahren Propheten erkennen die Grenzen, formulieren sie deutlich und stellen sie in den Horizont der Glaubenstradition. Sie benennen die Fäulnis an den Wurzeln und sprechen an, wie zu therapieren sei. Meist müssen sie Unangenehmes sagen. Jeremia wurde damals von den Leuten abgelehnt, ja er wurde mit dem Tode bedroht. Spinner nannten ihn die einen, Kollaborateur die anderen. Die Regierenden konnten ihn marginalisieren. Doch er war der Einzige, der recht hatte. Die Aufgabe in dieser Woche wird es sein, Grenzen vieler Lebensbereiche zu benennen, wie sie heute wahrnehmbar sind, und Strategien fürs Überleben zu formulieren. Dabei wird es sicherlich einige Punkte geben, die wir gar nicht gerne hören. Wir sollten uns aber stets bewusst halten, was die theologische Überzeugung des Jeremia war und was auch für uns heute noch gilt: Gott ist treu! Er wird den nicht verlassen, der sich ihm zukehrt. Mag er zulassen, dass untergeht, was war und ist. Er wird wissen, wozu es gut ist – und wozu es auch für uns gut sein wird. Denn es gilt das Gott-Wort aus dem Buch Jesaja: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr“ (Jes 55, 8-9). Doch gleichermaßen gilt: „Ich nehme euch als mein Volk an und werde euer Gott sein“ (Ex 6, 7).“ Das hat er bewiesen, als er sein Volk durch die Wüste geführt hat und es dort nährte – wie es im heutigen Evangelium Christus, das lebendige Gotteswort – in der Speisung der Fünftausend nachzeichnet (Vgl. Mt 14, 13-21). Fürchten wir uns also nicht, auch die unangenehmen Grenzen wahrzunehmen und anzunehmen; denn wir dürfen wissen: „Gott ist mit uns“ (Jes 8, 10).

 

 

2. Predigt: Ihr werdet mein Volk sein – und ich werde euer Gott sein; Jer 30, 2-22; Mt 14, 22-36

Leben und überleben – angesichts der Endlichkeit. Die beiden Lesungen geben uns Hinweise, was wir tun können, wenn uns die Enge des Daseins bedrängt, und welche Perspektive uns Christus eröffnet.

I.

Die erste Lesung spricht von einer Aktion des Propheten Jeremia. Einen Brief hat er an die Verbannten in Babylon geschrieben. Es war kein Trostbrief – im Gegenteil. Tröster hatten sie genug, auch solche, die sich Propheten nannten. Diese sagten ihnen regelmäßig: Habt keine Panik! Bald werdet ihr wieder heim kommen. Harrt noch ein Weilchen aus. Dann wird alles wieder werden wie es war. Jeremia kämpft gegen solches „Getröste“. Solche Tröster bestärken die Leute nur in ihrem Selbstmitleid und verführen sie zur Lethargie. Die Augen will er den Verbannten öffnen für die ungeschminkte Realität. Zugleich will er sie motivieren, ihr Schicksal aktiv anzupacken. Glaubt denen nicht, die euch mit religiösen Gedanken Illusionen einimpfen. Sie reden nicht im Sinne des Ewigen, auch wenn sie seine Worte zitieren und theologische Ideen deduzieren. Nehmt zur Kenntnis: Eine Phase der Geschichte ist abgeschlossen. Sie ist nicht zurückzuholen und auch nicht zu restaurieren. Es gilt in anderer Weise die Zukunft anzupacken – nicht in Rückschau und Illusion zu träumen. Die Gefälligkeitspropheten impfen euch ständig ein: Bleibt ruhig, rührt euch nicht, lasst euch vor allem nicht ein auf irgendwelche Angebote, dass ihr aktiv neue Geschäfte oder Zuarbeiten für eure Zwingherrn unternehmt. Bleibt in eurer Welt, und bleibt möglichst inaktiv. Der gegenwärtige Zustand ist nur von kurzer Dauer, ist reine Wartezeit. Jeremia kontert: Wer so zu euch spricht, lügt. Wer dazu theologische Argumente nennt, kennt die Gott-Botschaft nicht. Erkennt an, dass mit der Deportation etwas Endgültiges geschehen ist, und arbeitet dahin, dass euer jetziger Zustand fruchtbar wird für jene Zeit, in welcher sich die Lage wieder ändert. So forderte Jeremia die Verbannten auf: Richtet euch ein auf lange Jahre des Bleibens. Nehmt euch Frauen, zeugt Kinder, damit ihr ein kräftiger Stamm bleibt. Denn erst nach 70 Jahren, d.h. nach drei Generationen, wird der Zustand beendet. Erst eure Nachkommen werden zurückkehren. Nützt die Zeit, um zu leben mit Blick auf die Zukunft. Alle, die euch sagen, ihr könnt bald wieder zurückkehren und es wird wieder werden, wie es war, sind falsche Propheten. Euer jetziger Zustand ist auf Zeit gegeben, findet dann ein Ende. Seid dennoch gewiss: Die Zusage Gottes gilt. Sie wird sich aber in anderer Weise und möglicherweise in anderen Formen abspielen, als ihr sie jetzt erkennt. Ihr seid sein Volk und er ist euer Gott – wo immer ihr euch befindet. Eure vorläufige Endlichkeit beträgt 70 Jahre. Dann kommt ihr zurück. Und dann wird ein neuer Abschnitt der Heilsgeschichte beginnen, der auch wieder begrenzt sein wird. Niemals könnt ihr auf der Welt einen Zustand auf Dauer festhalten. Die Endlichkeit des irdischen Daseins macht euch stets bewusst, und vergesst nicht: Die Verheißungen unseres Gottes gelten nach wie vor. Und mit dieser Verheißung im Hintergrund könnt ihr die Gegenwart gestalten – im Sinne der Verheißung, die nicht nur Überleben bedeutet, sondern von einer bleibenden Zukunft spricht. Das ist die Botschaft des Jeremia an seine Landsleute im Ausland wie im Innland. Doch diese Botschaft will niemand hören.

II.

Im Evangelium haben wir auch von einem gehört, der für sich die Verheißung, wie sie durch die Person und Lehre Jesu in neuer Weise gegeben ist, in illusorischer Weise geltend machen will. Die Botschaft Jesu gibt der alttestamentlichen Verheißung ein neues Element, wie Endliches und Bleibendes zusammenfinden können. Petrus meinte, er könne die jenseitige Wirklichkeit schon für die Gegenwart reklamieren. Er bittet deshalb Jesus, dass er ihm auf dem Wasser entgegengehen dürfe. Jesus erlaubt es. Doch Petrus bekommt Angst und sinkt ab. Er muss sich Jesu Tadel gefallen lassen: „Du Kleingläubiger!“ Die Jünger aber erkennen: In Jesus hat sich das vorläufige Menschssein in einer Weise mit dem Ewigen verbunden, dass allem Endlichen eine neue Qualität zukommt. Der Gottes-Sohn hat, so erkennen die Jünger, die jenseitige Wirklichkeit in der vorläufig-irdischen wirksam werden lassen. An ihm sehen wir deutlich: Das endliche Leben ist nicht nur ein Dasein, in welchem wir auf Zeit zu überleben suchen. Vielmehr steckt im Endlichen ein Element des Bleibenden. Der Hinweis auf das Reich Gottes oder – in einem anderen Bildwort ausgedrückt – auf die neue Schöpfung lässt ahnen, dass das irdische Tun mit dem Bleibenden zusammenhängen kann. Alles, was ein Mensch im Sinne des Ewigen unternimmt und ausführt, wird nicht vergessen sein. Es wird einen bleibenden Wert haben. Ich denke mir das so: Wie wir die Stimme eines Sängers auf CD festhalten können und diese auch dann noch, wenn er längst gestorben ist, abhören, d.h. zum Leben erwecken können, so wird Gott alles, was wir gültig in unserem Leben ausführen und was damit mit unserem Dasein verbunden ist, aufheben. Und es wird in der neuen Schöpfung eine Rolle spielen. Dies ist ein befreiender Gedanken. Er befreit mich aus der Angst, unterzugehen, einfach mit allem, was ich geschaffen habe und was ich bin, zu verduften und nicht mehr zu sein. Der alles ins Dasein gerufen hat, wird das, was ich gemäß seiner Ideen verwirkliche, in seinem Schöpfungsplan gelten lassen und ihm einen Platz geben im ewigen Reich. Das ist die Verheißung. Sie soll mich und uns ermutigen, das Endliche in seiner Endlichkeit anzunehmen und es aktiv zu gestalten. Selbst das Kranksein oder gar noch das Absterben sind nicht Zeiten eines passiven Wartens. Das Endliche erhält durch die Verheißung den Hauch des Bleibenden. Das bestärkt, selbst die leidvollen Erfahrungen der Endlichkeit anzunehmen, wie der Prophet Jeremia sie seinen geplagten Landsleuten künden wollte. Das Kommen Jesu in unsere Welt hat also die alttestamentliche Verheißung, erweitert. Gott ist mit uns in neuer Weise. Das Mensch gewordene göttliche Wort taucht alles Endliche in ein neues Licht. Es spielt eine Rolle bei Gott und darf teilhaben an der Auferstehung. Wenn ich zu Christus gehöre, habe ich mit allem, was mich ausmacht – und damit auch mit meinem Lebenswerk – Bedeutung vor Gott. Er gibt mir einen Platz in der neuen Schöpfung. Diese Verheißung soll uns Zuversicht schenken. So gilt in neuer Weise, was Jeremia den Verbannten als Gott-Wort schreibt: „Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein.“

 

3. Predigt: Der Herr hat sein Volk gerettet – den Rest Israels; Jer 31, 1-7; Mt 15, 21-28



Leben und überleben – angesichts der Endlichkeit. Auch die heutigen Lesungen bergen Worte, die uns vom Segen der Mangel-Erfahrungen sprechen.

I.

In der Lesung ermuntert der Prophet Jeremia vornehmlich jene, die hautnah den Untergang des Königreiches Juda erleben und die anerkannt haben: Es ist etwas zu Ende gekommen, der Untergang des äußeren Israels ist besiegelt. Davon haben wir gestern gehört. Gleichzeitig war aber auch klar: Gott hat sein Volk nicht abgeschrieben, er steht zu seinem Wort und zu seinem Bund. Deshalb dürfen seine Diener nicht lethargisch dahinvegetieren. Vielmehr müssen sie aktiv sein und sich anstrengen, damit ein Neubeginn irgendwann wieder möglich ist. In der heutigen Lesung sagt Jeremia den Betroffenen, was sie machen müssen. Es ist ein Zweifaches: Sie sollen zunächst zurückschauen und sich erinnern, was Gott je mit seinem Volk getan hat und wie er ihm beistand. Als Zweites sollen sie nach vorne schauen; denn was sie erwartet, das könnt sie erschließen aus vergangenen Daten der Geschichte.

Als erste Erinnerung nennt der Prophet die Jahre, in welchen das Volk durch die Wüste gewandert ist. Es war kein Weg durchs Schlaraffenland, aber ein Weg voll der Gnade. Zwar musste das Volk hungern, aber der Herr gab ihm Nahrung, Manna kam vom Himmel. Als das Volk der Nahrung überdrüssig war, flogen Wachteln ein. Als das Wasser ausging, schlug Mose eine Quelle aus dem Felsen. Immer wieder war das Volk bedroht. Kaum hatte es Ägypten verlassen, da stürmte das Militär nach, wollte es zurücktreiben. Doch die bis auf die Zähne bewaffneten lagen tot am Meer, während sie, die Waffenlosen, trockenen Fußes am anderen Ufer standen. Der Gefahr der Amalekiter und vielen anderen Gefahren konnten sie trotzen. Und dann machten sie eine besondere Erfahrung am Sinai. Sie erlebten den Gottesschrecken. Der Herr hat ihnen dort doch seine Weisungen kundgetan, die gelten sollten für alle Wanderzeiten und auch für die Zeiten, in denen sie, das Volk, in die Ruhe kommen. Diese schweren Zeiten gelten im Nachhinein als Zeiten großen Segens, weil der Ewige sichtbar werden ließ: „Mit ewiger Liebe habe ich dich (,Israel) geliebt.“ Sie erkannten: Gott ist treu! Er steht zu seinem Wort. An diese Wahrheit sollen sie sich regelmäßig erinnern. Das ist das eine, was sie tun sollen.

Ein Zweites sollen sie, wie wir schon gesagt haben, nach vorne schauen. Sie sollen ihre Sehnsüchte formulieren und sie vor Gott ins Wort bringen. Der Prophet formuliert sie vor: In fernen Zeiten, so sagt er, wird Jerusalem und werden die anderen Städte wieder aufgebaut. Freudenfeste wird man wieder feiern, Weingärten wird man anbauen und die Früchte genießen, und auch der Tempel mit dem Gottesdienst wird wieder erstehen. Aller Welt wird offenbar: Der Herr hat sein Volk gerettet – er hat es gerettet vor dem Untergang, er hat es freilich gerettet durch die Drangsal hindurch. Ihr, die ihr jetzt Mangel erlebt und dieser in Kürze euch tief bedrückt, ihr sollt die Option der fernen Zukunft nie aus den Augen verlieren. Sie wird euch fähig machen, aktiv zu bleiben und euch zu bereiten für diese ferne Zeiten; denn ihr seid der Rest Israels, der die Rettung schaut und den Auftrag zu erfüllen hat, um dessetwillen das Abraham und ihr, seine Nachfahren, erwählt wurden.

Der Prophet fordert also auf, sich an Gottes Großtaten in der Vergangenheit zu erinnern, um die enge Gegenwart zu meistern und auf die Zukunft zu vertrauen – mit Blick auf Gottes Treue. Schaut hin, wie sich gerade in Mangelzeiten die Hilfe des Ewigen gezeigt hat. Blickt zurück und blickt nach vorne! Die Erfahrung der Enge, des Mangels und der Knappheit lasse euch die zwei Fragen stellen: Wie hat sich die Treue Gottes in der Vergangenheit gezeigt, und wie kann sie sich künftig für uns zeigen, wenn wir uns in seinem Sinne anstrengen. Das ist der Beitrag der Epistel zum Thema der Woche. Etwas schwieriger scheint der Beitrag des Evangeliums zu sein.

II.

Das Evangelium erschließt sich uns, wenn wir bedenken, dass Matthäus seine judenchristliche Gemeinde überzeugen muss von der allumfassenden Weite des neuen Weges mit Christus; denn diese Gemeinde hat sich schwer getan mit der Tatsache, dass schon von den Anfängen an Heiden als vollwertige Glieder des neuen Weges eingebunden wurden – mächtig propagiert von dem ehemaligen Pharisäer Paulus. Die Judenchristen dieser Gemeinde waren der Meinung: Die Erwählung unseres Volkes ist ausschließlich. Die Begrenzung macht das Ganze doch wertvoll. Wenn alle dazu gehören können, was ist dann Besonders daran? Sind wir nicht die Einzig-Geliebten unseres Gottes? Steigert nicht die Begrenzung den Wert?

Matthäus erzählt eine Episode: Jesus hat sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurückgezogen. Die Pharisäer hatten ihm zugesetzt, er wollte offensichtlich von ihnen Abstand gewinnen. Da in dieser Gegend viele Heiden wohnten, war er vor ihnen sicher, da sie die Städte von Heiden nicht betraten. Nun rief eine Heidin nach ihm, und sie bat ihn, ihrer Tochter zu helfen. Die Jünger waren genervt und baten Jesus, ihr doch zu helfen, damit sie Ruhe hätten. Jesus aber nimmt den Fall zum Anlass, grundlegend zu klären, wer dazugehört. Er zeigt ihnen: Die Frage kann nicht einfach nur praktisch gelöst werden, wie die Jünger dies ad hoc lösen wollten. Sie sollen bedenken: Schon der Titel „Sohn Davids“ zeigt an, dass der Messias nur für Israel wirkt, war doch David nicht König der Welt, sondern nur König der zwölf Stämme Israels. Wie steht es also mit dem Wirken des Messias, wenn er sich „Davids Sohn“ nennen lässt? Ist er zu Israel gesandt oder zu allen Menschen?

Die Frau einen Vergleich, den mit den Hunden, der Jesus die Gelegenheit gibt, darauf hinzuweisen, dass die Grenzen immer schon offen waren, wenn auch nur gering.

Denn dieses Volk stand noch nie isoliert in der Welt da, es kann nicht so tun, als könnte es ganz für sich existieren. Brosamen der Erwählung fielen immer schon vom Tisch Israels. Und eines muss deutlich hinzugesagt werden, was immer schon klar war, vor allem durch die Propheten überdeutlich betont wurde: Nicht die leibliche Zugehörigkeit zum Gottesvolk ist schon genügend, es muss das Herz dazu kommen. Das heißt: Du musst glauben! Jeder gehört erst wirklich dazu, wenn er glaubt. Und jetzt weist Jesus auf die Frau hin: Sie glaubt! Sie glaubt tiefer als viele Volksgenossen. Wie soll sie nicht dazu gehören, wenn sie den entscheidenden Akt setzt, welcher als entscheidender Faktor für die Zugehörigkeit zum Volk erst besiegelt? Und so sagt Jesus der Frau – und mit ihr den vielen glaubenden Heiden: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ So ist auch den Judenchristen geholfen, zu begreifen, dass nun auch die Heiden dazugehören können – wenn sie glauben. Am Ende des Evangeliums steht dann dezidiert: „Machte alle zu Jüngern und taufet sie…“

III.

Wie aber können wir diese Aussage für unser Thema nutzbar machen? Leben und überleben angesichts der Endlichkeit! In Jesu Antwort steckt eine Voraussetzung: Da ist etwas Neues geschehen. Seine Person ist zwar „Sohn Davids“, aber er ist mehr. Mit der Menschwerdung des göttlichen Wortes hat sich vieles gewandelt – wir haben es gestern gehört. Wir müssen die johannäische Theologie beiziehen, um es uns klar zu machen. Dieses Wort kam in sein Eigentum – also ins erwählte Volk, aber die Seinen nahmen es nicht an. Darum ist es für jene da, die es annehmen. Ihnen wird die Herrlichkeit des Ewigen gezeigt – und zwar in seinem ganzen Leben, bis in die letzten Atemzüge am Kreuz. Deshalb wird mit hinein genommen in das neue Volk, wer sich ihm glaubend anschließt. Die Begrenztheit des Glaubens im Gottesvolk hat den Wandel mit sich gebracht. Diesen Wandel wahrzunehmen und anzunehmen war Gebot der Stunde für die Gemeinde des Matthäus. Das ist also das dritte Element, das uns gesagt ist, die wir die Grenzen des Endlichen spüren: den Wandel wahrnehmen! Jesus zeigt es den Jüngern, indem er die Tochter der Frau heilt: Nehmt wahr, dass sich etwas wesentlich gewandelt hat.

Ich komme zum Schluss: Auch für uns gilt, was uns die beiden Lesungen sagen: Schauen wir in die Geschichte und formulieren wir unsere Optionen, indem wir gleichzeitig jedweden Wandel wahr- und ernst nehmen. So werden wir Endlichkeit, Enge und Knappheit als Chance erfahren und innovativ meistern. Dann wir auch für uns gelten, was am Ende der Lesung steht: „Der Herr hat sein Volk gerettet, den Rest Israels“ – fügen wir hinzu: den erweiterten Rest.